posted by harrySmorgan on Jun 8
Zur Pornografie kam ich allerdings über den Journalismus. Denn die Bild als Boulevardzeitung griff selbstverständlich auch Schmuddelthemen auf. Und da ich als Fotograf in der Essener Redaktion beschäftigt war, Essen mit Silwa eine große Pornoproduktion beheimatete, lag es nahe, dass ich diesen Leuten früher oder später mal über den Weg lief. Eines Tages, ich hatte mich gerade als Fotograf selbstständig gemacht, fragte mich der damalige Verleger von Silwa, der es übrigens heute noch ist: »Harry, hast du nicht mal Lust, ein paar Fotos für die Happy Weekend zu machen?«
Neben meiner Tätigkeit als Fotograf für Mode, PR, für große Kaufhauskonzerne, jobbte ich fortan – und unter dem Deckmantel Harry S. Morgan – für die Silwa-Magazine: Fotostrecken, Bilderserien, ganze Pornogeschichten. Dafür jettete ich rund um die Welt, mal nach Paris, London, Spanien, Ibiza, ein angenehmes Leben. Damals verfügte die Branche über ein Heidengeld. Teure Hotels? Exklusive Restaurants? Alles kein Problem. Als normaler Fotograf hätte ich mir das alles nicht leisten können.
So vergingen die Jahre, ich führte ein angenehmes Leben. Irgendwann kam der Verleger zu mir und fragte mich: »Hast du nicht Lust, als Regisseur ganz bei Silwa einzusteigen?«
Ich willigte ein. Etwas erstaunliches passierte: Ich bekam einen großen Etat zur Verfügung gestellt und hatte alle Freiheiten der Welt. Es war zwar eine gemeine Fessel – denn die Fessel der Freiheit ist viel schlimmer, als wenn man jeden Tag geknechtet wird. Aber es funktionierte. Ich nutzte die Freiheit, konnte mich entwickeln, selbst verwirklichen.
Vorher hatte ich schon begonnen bei Produktionen, Filmfotos zu machen. Bald darauf übernahm ich die Regieassistenz. Ich war 1975 am Dreh von Josefine Mutzenbacher – Wie sie wirklich war, oder „Inside Marilyn“ beteiligt – das war ein unglaublicher Aufwand. Wir drehten in Wien, mit vielen Kostümen, bauten ein komplettes Studio auf. Das war kein Vergleich zu den überhasteten Pornoproduktionen von heute. Es war richtiges Filmemachen;35mm und in Kinos vorgeführt Es war eine schöne Zeit. Und: Wir hatten keine Konkurrenz.
Vor 20 Jahren startete ich die Filmserie Happy Video Privat. Dafür wollte ich private Paare über ihre sexuellen Gepflogenheiten interviewen und dabei filmen. Doch obwohl ich die Zeitschrift Happy Weekend mit all ihren Kontaktanzeigen im Hintergrund hatte, fand ich nicht einmal Paare, die vor der Kamera auftreten wollten. Selbst bei Silwa fand ich niemanden, der sich für das Projekt begeistern ließ. Jeder glaubte, es würde ein Flop werden.
Als endlich das erste Video auf dem Markt erhältlich war, lief plötzlich alles von selbst. Es sprach sich herum, wie spannend die Arbeit mit mir sei. Immer mehr Paare wollten mitmachen. Die Serie wurde erfolgreich. Die Figur Harry S. Morgan immer beliebter. Da beschloß ich: »Wenn ich erfolgreich sein will, muss ich mich zu meiner Arbeit bekennen. Ich muss hinter dem Decknamen Harry S. Morgan auch die Person hervortreten lassen.« Und entschied, mich ganz auf Porno zu konzentrieren.
»Mein Umfeld hatte keinerlei Probleme mit meiner Arbeit. Die Leute, mit denen ich mich umgab, hatten sowieso alle Bock auf Sex. Ich glaube, in meiner Wohnung veranstalteten wir damals die ersten Gruppensexorgien von Essen. Da war immer was los. Wieso hätten die Leute also was dagegen haben sollen?«
Damals waren Pornos noch richtige Filmarbeit. Dazu musste man Profi sein. Wir drehten mit richtigen Filmkameras, auf 35 oder 16 mm. Ich arbeitete nur mit Profis zusammen, Kameraleuten, Ausleuchtern, Tontechnikern, die hauptberuflich bei der Bavaria oder bei der Constantin beschäftigt waren, nebenher beim Porno jobbten. Professionalität war hoher Standard. Dementsprechend exakt musste vorbereitet werden. Bei jedem Film wurde Licht ganz professionell gesetzt. Dadurch konnten maximal zwei Szenen am Tag gedreht werden.
Es gab richtig dicke Drehbücher, geschrieben von Autoren, die vom Fach kamen. Wir hatten Leute, die auf der einen Schreibmaschine das Drehbuch zum nächsten Derrick schrieben, während sie auf der anderen das Drehbuch zum Porno tippten – und es gab keinen qualitativen Unterschied zwischen beiden. Drehbuch war Drehbuch.
Heute ist ein Drehbuch nicht mehr nötig. Die Industrie hat die Digitalkamera erfunden. Wenn heute eine Szene in die Hose geht, kein Problem, sie wird gelöscht und noch einmal aufgenommen. Damals war das nicht möglich. Eine Filmrolle, mit der man eine verpatzte Szene auf Zelluolid gebannt hatte, war verlorenes, teures Material.
Überhaupt musste der Darsteller damals für den Cumshot ab Zwölf rückwärts zählen, damit die Kamera rechtzeitig eingeschaltet werden konnte. Wenn die Kamera dann lief, musste der Darsteller zum Orgasmus. Kam er nicht oder zu spät, dann lief man Gefahr, dass der Film bereits wieder alle war. Denn eine Filmrolle musste alle vier Minuten gewechselt werden.
Der Erfolg gab mir schließlich Recht. Ich war der erste Porno-Mann, über den die Zeit berichtete. Selbst der Spiegel schenkte mir seine Aufmerksamkeit. Man erlebt es nicht alle Tage, dass ein Mann wie Henryk M. Broder zweieinhalb Tage mit mir zusammensitzt und ein großes Spezial über mich schreibt. Derartige Aufmerksamkeit spornte mich in meiner Freude, mehr aber noch in meinem Ehrgeiz an. Es war mir zugleich auch eine Bestätigung für meine Arbeit, viel wichtiger als wenn mir jemand 10.000 Euro gegeben hätte.
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